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Pilzporträts

Warum heißen Täublinge Täublinge?

Eine Annäherung an die Beantwortung dieser Frage von Matthias Krause, 

gewidmet Torsten Richter

Herzlichst danken wir Herrn Prof.Dr.H. Kreisel für die freundliche Unterstützung bei der Fertigstellung des Beitrages.


1. Vorüberlegungen, Recherchen, Brainstorming


Warum Täublinge Täublinge heißen, fragte Torsten mich kürzlich. Was Pilze angeht frage ich sonst Torsten immer Löcher in den Bauch. Also, wenn er das mit den Täublingen schon nicht weiß, wie soll ich taube Nuss … Taube Nuss? Habe ich da etwa schon einen Pfad gefunden? Eine taube Nuss nenne ich jemanden, der dumm oder langweilig ist, wenn zum Beispiel jemand nichts darüber sagen kann, warum Täubling Täubling heißt, so wie ich. Aber ich will keine taube Nuss sein.Und Torsten erst recht nicht, der ist eher eine vollgefüllte Kokosnuss! {phocagallery view=category|categoryid=17|limitstart=0|limitcount=0|detail=5|displayname=1}

Was heißt das eigentlich - taube Nuss? Eine Nuss, die gehörlos ist? Wie das Judasohr, das Eselsohr oder der Krötenöhrling? Unsinn, die können ja gar nicht hören können! Die haben ja keine richtigen Ohren, die sehen nur so aus wie welche.

Also nicht gehörlose Nuss. Dann evtl. Nussschale mit nichts drin? Doofe Nuss! Oder führt uns die Taubnessel weiter? Die heißt ja wirklich so, obwohl sie nicht gehörlos oder kernlos ist. Die könnte man verächtlich ja auch „taube Nuss“ nennen, weil sie im Gegensatz zur Brennnessel nicht brennen kann. Und wenn ich die an mein Ohr halte, dann höre ich sie nicht nur nicht, dann spüre ich sie auch nicht.

Weil sie taub ist. Oder meine Haut ist taub. Stimmt, nicht nur meine Ohren sind manchmal taub, sondern zuweilen auch ein Arm oder ein Bein oder so, wenn mir ein Gliedmaß eingeschlafen ist, besser gesagt, wie betäubt ist, taub eben. Wenn ich mich operieren lasse, dann werde ich total betäubt. Dann ist alles taub, wie leer, wie nicht da, wie nicht zu gebrauchen, wie unnütz. Gibt es vielleicht Täublinge, die mich betäuben könnten? Keine Ahnung, noch nie von gehört.

Aber ich bin keine taube Nuss, ich frage Google. Nichts gefunden. Nun, dann rufe ich Frau Teuber an, die Pastorin in Schlagsdorf. Vielleicht weiß sie, woher ihr Name stammt. Sie schreibt sich zwar etwas anders, aber die Schreibweise ist wohl variabel bei der Entwicklung von Wörtern. Also kleinen Moment, muss mal telefonieren. Anrufbeantworter. Vielleicht ruft sie ja bald zurück. Wird ihn ja abhören. Wird

ja nicht taub geworden sein. Täubling, Täubling - vielleicht von Tau? Pilze im Morgentau? Nee, in dem stehen ja alle Pilze herum. Außerdem, woher sollte dann das b hinter tau kommen? Taube? Täuberich? Kein Zusammenhang ersichtlich zunächst (s. Nachwort; aber erst einmal weiterlesen!).

Doofe Sache das ganze, taubes Gefühl im Hirn. Ah, die Bücher: Duden, Fremdwörterbuch, Herkunftswörterbuch, Synonymwörterbuch, Geflügelte Worte, Sprichwortlexikon, Bibellexikon …. Da, fündig geworden, im Duden Herkunftswörterbuch, Band 7, 1989, Seite 736, aber nicht zu Täubling, nur zu taub, immerhin:

taub stammt von der indogermanischen Wortgruppe von Dunst ab und hatte in

der Sprachgeschichte unseres norddeutschen Raumes vor der Einengung zu gehörlos

folgende Bedeutungen - nichts empfindend, nichts denkend, unsinnig, abgestorben,
dürr, unempfindlich, ungereimt, stumpf(sinnig), dumm, benebelt, verwirrt, betäubt,
gehaltlos
(hier wird im Buch auf die taube Nuss und die taube Nessel hingewiesen),
im Niederdeutschen entstand daraus unser liebes Wort doof.

Na, da habe ich ja nun Material, mir etwas zum Täubling zusammen zu reimen, wenngleich es recht doof ist, dass ich direkt zu diesem Pilznamen nichts gefunden habe. Ach, das Telefon klingelt. Frau Teuber ruft an. Sie sagt, dass sie mal gehört hat, dass da ein Zusammenhang mit dem Wort taub besteht. Na, das bringt mich auch nicht gerade weiter. Da fällt mir ein, ich hatte doch mal ein DDR-Nachnamen-Lexikon. Suchen. Im Wohnzimmer gefunden. Wort gefunden: Teuber stammt in seinen verschiedenen Schreibweisen von der Tuba ab und der bedeutet so viel wie Blasender Musikant. Auch hier sehe ich keinen Zusammenhang mit den Täublingen, die ja nicht wie Blasinstrumente aussehen und auch keine Geräusche machen. Mehr fällt mir zunächst nicht ein. Also nun eine kleine Zusammenfassung.


2. Schlussfolgerungen und zwei Hypothesen


a) Im Gegensatz zu den bekannten und leicht lern- und erkennbaren Speisepilzen (mal ganz, ganz grob aufgezählt: den Röhrlingen, den Egerlingen, den Stäublingen /Bovisten, und den Trompetenpilzen) ist die Bestimmung deranderen Pilze, insbesondere der Blätterpilze nicht so einfach und wird bei Fehlbestimmung im schlimmsten Falle mit dem Tode „bestraft“. Die Gattung Russula mit ihren etwa 200 (!) Arten in Europa ist zwar nicht gefährlich, aber doch sehr unübersichtlich. Die durchschnittlich von der Größe her ergiebigen und von der Ästhetik sammelnswerten Pilze können innerhalb ihrer Gruppe recht leicht miteinander verwechselt werden. Wie gesagt, sehr gefährlich ist solch eine Verwechslung nicht, aber geschmacklich geht die Note von der angenehm milden über die scharfe bis hin zur stinkenden oder scharf-bitteren. Viele der Täublinge haben schöne und leuchtende Hutfarben.
Es kann schnell passieren, dass man eine solche Pilzgruppe im Wald entdeckt, voller Vorfreude hinläuft - dann die Enttäuschung: die schönen roten Täublinge (evtl. hatte man zuvor leckere Apfeltäublinge gefunden) entpuppen sich als ungenießbar scharfe Täublinge (etwa Buchenspeitäublinge).Nach einem solchen Erlebnis denkt man: doof, dumm gelaufen, unsinnig sie zu lernen,weil kaum möglich; unsinnig sie also zu ernten, sie zu probieren um dann doch immerwieder enttäuscht zu werden.Täubling“ würde dann bedeuten: Diese Pilze sind doof. Sie sind so schwer zu unterscheiden, wenngleich es doch so schön wäre dies zu können. Sie sehen schön aus, sind ergiebig und etliche Arten schmecken lecker. Doch immer wieder bücken wir uns umsonst und werden enttäuscht. Verwirrend. Unsinnig. Doof. Doofpilz. Dieser Name klingt nicht gut, ich stelle ihn auch nur im Rahmen dieser Hypothese auf, weil er mit wenigen Buchstaben zusammenfasst, was ich meine. Längere Namen wären zu lang und würden folgendermaßen lauten: Enttäuschungspilz, Unlohn-Verwirr-Pilz,

Mich-zum-Narren-haltender-Pilz.


b) Wie gesagt sind Täublinge nie ernsthaft giftig. Deshalb ist dem Kenner Kosten im Wald erlaubt (nur dem Kenner, der einen Täubling wirklich als solchen erkennt, um die Gefahrdes Fuchsbandwurmes weiß usw.). Ich habe dabei folgende Erfahrung gemacht:

Hat man einmal oder mehrmals hintereinander scharfe Täublinge gekostet, dann ist es gar nicht so einfach, anschließend richtig zu beurteilen, ob die nächsten Täublinge scharf schmecken oder nicht. Auch wenn man zur Beruhigung der Geschmacksnerven

und zur Neutralisation der Zungen zwischendurch Weißbrot oder Walnüsse isst (so üblich bei Weinverkostungen), stellt sich doch nach kurzer Zeit eine gewisse Taubheit der Zunge ein. Der scharfe Täubling betäubt die Zunge, Zungenbetäubling.


3. Weitere Überlegungen: Täublinge und Milchlinge


Wie wir heute wissen, gehören die Täublinge mit den Milchlingen verwandtschaftlich zusammen, beide Gattungen bilden die Familie Russulaceae.Ja, beide Familien zusammen bilden sogar eine eigenständige Ordnung, die der Russulales. Durch bestimmte Eigenschaften unterschieden sie sich von allen anderen bekannten Pilzen. Eine kulinarisch interessante Gemeinsamkeit ist die der allgemeinen Ungiftigkeit. Auch bei Milchlingen kann man nach einer Kostprobe entscheiden, ob sie verwertbar sind oder nicht. Auch hier gibt es milde, scharfe und sonst wie unangenehm schmeckende Arten. Nun ist bekannt, dass seit alters her, besonders in den osteuropäischen Staaten und in einigen der ehemaligen Sowjetunion, auch scharf schmeckende Arten als Nahrung genutzt wurden, in dem man versuchte sie durch ein- oder mehrmaliges Wässern (und wahrscheinlich auch anderer Methoden) zu entschärfen. Wenn sie dann auch ihres typischen Pilzgeschmackes beraubt und oft nur in konservierter Form essbar waren, so stellten sie doch oft eine wichtige und leicht zu erringende Nahrung

dar. Fleisch war nicht immer reichlich vorhanden, bei Pflanzen kam es zu Missernten. Hatte man dann eingelegte oder auch frische Milchlinge als Nahrungsreserve, dann waren diese zwar manchmal kein schmackhafter, wohl aber ein relativ nahrhafter Ersatz.

Milchlinge sind relativ leicht zu erkennen, sondern sie doch - außer wenn sie zu alt oder ausgetrocknet sind - an den Lamellen Milch ab.


Ich nehme an, dass in alten Zeiten die Täublinge ebenso genutzt wurden. Sprachlich mussten sie von den Milchlingen abgegrenzt werden, weil sie erstens nicht milchen, zweitens visuell nicht deutlich mit jenen verwandt erscheinen.


Nach diesen meinen Überlegungen komme ich zu folgendem Schluss: Früher hat man auch die Täublinge ebenso wie die Milchlinge als Nahrung bzw. Nahrungsersatz genutzt. So würde ich meiner zweiten These den Vorzug geben: Wenn sie auch trotz Entwässerns und anderer Vorbehandlungen oft nicht besonders gut, ja, oft die Zunge betäubend scharf schmeckten, so waren unsere Täublinge doch oft ein unverzichtbarer und relativ gehaltvoller Nahrungsersatz.

Fazit: Täublinge heißen Täublinge, weil sie die Zunge betäuben. Zungenbetäublinge.


4. Professor Dr. Hanns Kreisel, die dritte Hypothese, das Nachwort

und das Myko-Rätsel


Nachdem wir Herrn Prof. Dr. Kreisel, einen mecklenburgischen Mykologen und Täublingsexperten mit dieser Fragestellung und meinen Überlegungen angeschrieben hatten, kam nach kurzer Zeit eine freundliche und informative Rückantwort von ihm.


Die Variante „Doofpilz“ hält Hanns Kreisel für abwegig, da diese Deutungsweise in der historischen Pilzliteratur nicht auftaucht. Weiter schreibt er: „Eine Beziehung zu taub in dem Sinne, dass viele Täublings-Arten die Zungenspitze taub machen, wäre immerhin denkbar.“

Dann stellt Herr Professor Kreisel eine dritte These vor. Er schreibt, dass W. Neuhoff schon in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts darauf hinwies, dass Täubling doch von der Taube

abgeleitet sein könne. Dies bezöge sich dann auf den Frauentäubling und weitere, ebenfalls essbare Arten, welche taubenblau bzw. taubengrün gefärbte Hüte haben. Professor Kreisel erklärt in seiner Mail weiterhin, dass die polnische, tschechische und ungarische Bezeichnung für Täublinge sich von der Taube ableite. Ich selbst habe einen guten Freund in Rumänien. Auch er antwortete auf meine Frage nach der Bedeutung des Wortes Täubling in seiner Landessprache, dass diese Pilze „Hulubitze“ genannt werden im Sinne von „Tauben-Pilz“. Weitere Informationen von Herrn Prof. Kreisel: In der deutschsprachigen Literatur taucht unser Pilz 1601 auf („Teubeling“). 1733 wird er bei Zedler als „Tauben-Kroppel = Blauer Bilz“ bezeichnet was dann doch wirklich für die Herleitung von „Taube“ spricht (übertragen: Tauben-Klumpen = Blauer Pilz).


Da aber auch etymologisch die Taube evtl. von „taub“ herrührt, kann die ursprüngliche Wortbedeutung des Täublings wahrscheinlich nicht abschließend geklärt werden;

wenngleich sich der Wortsinn im Laufe der Zeit gewandelt haben mag. Das deutsche Wort Täubling lässt zunächst keinen Sinn mitschwingen, die Kausalität des Wortes zur Wortbedeutung fehlt. Dinge prägen sich namentlich wesentlich besser ein, wenn man ihre

Bedeutung kennt. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderem hier etwas weiterhelfen:

wer Tauben kennt und den Frauentäubling, der kann die Übertragung zu den anderen Täublingsarten nun vielleicht besser nachvollziehen. Wer meine Erfahrung mit der tauben Zunge oder mit dem doofen und erfolglosem Bücken teilt, erkennt fortan eventuell

die vielen Täublingsarten leichter als solche.


Zum Schluss ein Myko-Rätsel, das Prof. Dr. Hanns Kreisel uns zukommen ließ: Was ist das. Es läuft im Wald herum, hat zwei Beine und spuckt fortwährend? Antwort: ein Täublingsspezialist.

Vielen Dank an Herrn Prof. Dr. Hanns Kreisel für Informationen, Geist und Witz!



Matthias Krause, Rehna, im April 2010

icon Warum heißt Täubling, Täubling? (118.52 kB 2010-04-22 16:18:48)

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